Letztes Wort.
Kritisch. Objektiv. Sachlich. Hier hat die Moral das letzte Wort.
Spannende Fälle aus 2019.

Der Vatikan verurteilt die freie Wahl des Geschlechts. Eine ethische Diskussion zur katholischen Verantwortungsübernahme im Diskurs über die Gendertheorie.

Der Fall

Am Pfingstmontag 2019 hat das päpstliche Bildungsministerium ein 31 Seiten umfassendes Papier veröffentlicht, in dem die Gendertheorie verurteilt wird. Das Dokument hat den Titel “Als Mann und Frau schuf er sie” und kritisiert damit offiziell die Grundlage der Gendertheorie. Diese legt zugrunde, dass jeder Mensch sein Geschlecht frei wählen und verändern kann (Tagesschau, 2019). Kritisiert wird insbesondere die Vermittlung der Theorie in der Bildung. In der Kommunikation des Vatikans wurde darauf verwiesen, dass es sich bei der Veröffentlichung um einen Beitrag für den Stakeholder-Dialog handelt (Welt, 2019). Einige der Inhalte stießen jedoch in der breiten Medienöffentlichkeit auf Kritik und führten zu einer ethischen Diskussion. 

Die Vatikanstadt- Photo by DAVID ILIFF. License: CC BY-SA 3.0

In dem Schriftstück warnt die Bildungskongregation des Vatikans insbesondere für die katholische Lehre vor einer Aufweichung von Geschlechtergrenzen. Kritisiert wird, dass in der Gendertheorie das natürliche Gegenüber von Mann und Frau geleugnet und das Bild einer Gesellschaft ohne sexuelle Unterschiede vermittelt wird. Dadurch wird nach Meinung des Vatikans die anthropologische Basis der Familie ausgelöscht sowie zur Desorientierung und damit der Schwächung der Familie beigetragen. Die Konstruktion eines neutralen oder dritten Geschlechts stehe der Bildung einer reifen Persönlichkeit gegenüber. Die Autoren betonen dabei, dass die katholische Kirche, insbesondere in der Bildung, klarstellen müsse, dass kulturelle und biologische sexuelle Identität nicht zu trennen seien und die sexuelle Differenz zwischen männlich und weiblich konstitutiv für die menschliche Identität ist (Congregation for catholic education, 2019). Das Dokument ist nicht vom Papst persönlich unterschrieben, dieser hat jedoch zuvor einige Male eine ähnliche Ansicht geäußert. “Von daher ist die Stellungnahme mehr als nur einer von vielen Texten einer vatikanischen Kongregation, sondern gibt doch die offizielle Haltung der katholischen Kirchenspitze zur Genderdebatte wieder.” (Drobinski, 2019).

Medienreaktionen

ZEIT Online, 11. Juni 2019

Vatikan kritisiert Gender-Theorie

Die katholische Kirche bezeichnet es als "konfuses Konzept", Frauen und Männer im Diskurs gleichzustellen. Verbände kritisieren eine Rückkehr ins Mittelalter. (ZEIT Online, 2019)

 

Tagesschau.de, 11. Juni 2019

Die päpstliche Haltung zu Geschlechterfragen ist bekannt, doch nun legt der Vatikan mit einem offiziellen Dokument nach. Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transmenschen in der Kirche zeigen sich entsetzt. (Tagesschau, 2019)

 

Süddeutsche Zeitung, 16. Juni 2019

"Als Mann und Frau schuf er sie": Mit einem Papier über die Gendertheorie in der Bildung will der Vatikan den Dialog fördern. Er erreicht das Gegenteil. (Süddeutsche Zeitung, 2019)

 

 

Street Art “Love is Love” - Photo by yoav hornung on Unsplash 11/18/19

 

Ethische Einordnung des Falls

Der Fall soll folgend ethisch beurteilt und eingeordnet werden. Dazu wird der Vatikan als PR-Akteur interpretiert, der durch seine Veröffentlichung nicht nur eine bestimmte Haltung einnimmt, sondern auch eine Verhaltensbeeinflussung erzielen möchte. 

 

Geltungsansprüche nach Jürgen Habermas (1988)

Werden bei Betrachtung des oben genannten Falls die Geltungsansprüche von Habermas (1988) herangezogen, wird deutlich, dass die Veröffentlichung drei von Habermas genannten Bedingungen für erfolgreiche Kommunikation nicht oder nur annähernd erfüllt: Die Wahrheit der Aussage als erster Geltungsanspruch ist in Frage zu stellen, da die genutzten Quellen in Hinblick auf Transparenz und Glaubwürdigkeit zu diskutieren sind. In erster Linie werden Vatikan eigene Veröffentlichungen herangezogen. Die Richtigkeit der Aussage, welche den zweiten Geltungsanspruch darstellt, ist ebenso anzuzweifeln. Die Wertbezüge und Normen, die durch die Aussagen des Vatikans deutlich werden, lassen sich nicht mit anerkannten Werten und Normen in Einklang bringen. Beim dritten Geltungsanspruch Wahrhaftigkeit, kommt es darauf an, ob das was der jeweilige Sprecher sagt, in Bezug auf seine innere Welt der eigenen Absichten und Gefühle aufrichtig ist. Dies kann beim vorliegenden Fall als erfüllt betrachtet werden, da der Vatikan durch seine eigene Haltung voll und ganz hinter den Aussagen steht. Der Fokus des Geltungsanspruchs Verständlichkeit liegt auf der Bedeutung einer Aussage, die von allen Gesprächspartnern verstanden werden muss. Damit es zur Verständigung kommt, braucht es eine gemeinsame Schnittmenge an Sprache. Der Vatikan hat das Dokument in mehreren Sprachen und an sich verständlich veröffentlicht. Doch Begriffe wie Homosexualität, Transgender oder Intersexualität werden vermieden und lediglich umschrieben. Trotz der sprachlichen Verständlichkeit sind Missverständnisse durch die Umschreibungen daher nicht gänzlich auszuschließen.

Da die Geltungsansprüche nur teilweise erfüllt werden, lässt sich schlussfolgern, dass dies einen Einfluss auf die entstandene Kritik und ethische Diskussion hat. Es lässt sich vermuten, dass insbesondere die Nichterfüllung der Aspekte Wahrheit und Richtigkeit die Grundlage der Kritik darstellen.

Inschrift am Vatikan Photo: Livioandronico2013 - https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Livioandronico2013

 

Gesinnungs- und Verantwortungsethik nach Max Weber

Die theoretische Einordnung nach Gesinnungs- und Verantwortungsethik geht auf einen Vortrag von Max Weber aus dem Jahr 1919 zurück. Er geht davon aus, dass jedes Handeln einem dieser zwei ethischen Systeme unterliegt, demnach also jede Handlung einer Tendenz der beiden zugeordnet werden kann. Diese Annahme soll auf den vorliegenden Fall bezogen werden (philosophieren14, 2016). Folgend wird eine kurze Einleitung zu den beiden Ansätzen gegeben:

Der Verantwortungsethiker hat stets die Folgen seiner Handlung im Blick. Er wägt die Konsequenzen ab und entscheidet sich für die Handlung, die am sinnvollsten und gewinnbringendsten ist. Dabei übernimmt er die Verantwortung für seine Handlung. Der Verantwortungsethiker kann mit dem Menschentypen des Politikers personalisiert werden. Der Gesinnungsethiker steht im Gegensatz dazu. Die Folgen seines Handelns sind ihm weitgehend egal, solange er nach seinen Prinzipien, Normen und Werten, also seiner Gesinnung handelt. Anders als der Verantwortungsethiker sieht er sich auch nicht in der Verantwortung die Konsequenzen seiner Handlung zu verantworten. Beschrieben wird der Gesinnungsethiker häufig mit dem Menschentyp des Heiligen (ebd.).

Im Sinne dieser Theorie handelt und kommuniziert der Vatikan im Fall des veröffentlichten Papiers gesinnungsethisch. Die Gesinnung, also die Werte und Normen, für welche die katholische Kirche steht, wird über alles gestellt. Jedwede Folge, wie beispielsweise die resultierende Diskriminierung von Homo- oder Transsexuellen wird außer Acht gelassen und eher befeuert, als bekämpft. Die Ablehnung des Vatikans gegenüber weniger klassischen Familienmodellen und der Freiheit bei der Geschlechtswahl ist bekannt. Durch die Veröffentlichung von Dokumenten wie “Als Mann und Frau schuf er sie” bestärkt die katholische Kirche diese Denkweise und handelt ethisch fragwürdig.

Berufsethische Selbstverpflichtungen

Neben den zwei aufgeführten Modellen werden zur ethischen Beurteilung des Falls berufsethische Kodizes der Kommunikationsbranche herangezogen, um kritische Punkte zu überprüfen. Der vorliegende Fall verstößt dabei u.a. gegen die erste der sieben Selbstverpflichtungen eines DPRG-Mitglieds (DRPR, 1991), da die Veröffentlichung des Vatikans zu irrigen Schlüssen und falschem Verhalten anregen kann.

Mit Blick auf den Kommunikationskodex (DRPR, 2012) kann festgestellt werden, dass u.a. Punkt (8) FAIRNESS und Punkt (9) WAHRHAFTIGKEIT im vorliegenden Fall nicht eingehalten werden. Denn die Verfasser des Schriftstückes schließen in ihrer Veröffentlichung diskriminierende Aspekte nicht aus und verbreiten irreführende Informationen.

 

Kritik / Bewertung

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Veröffentlichung des Vatikans eine fragwürdige Botschaft darstellt, bei der einige Argumente für eine unethische Kommunikationshandlung sprechen. Einerseits betont die katholische Kirche, in ihrem Auftreten stets die gleiche Würde aller Menschen und fordert deren Respekt und Schutz, andererseits wird sexuellen Minderheiten durch das vorliegende Papier faktisch die Anerkennung ihres spezifischen leiblichen Soseins verweigert. Niemand wählt beliebig seine sexuelle Orientierung oder Identität. Aber jeder hat das Recht auf sexuelle Integrität und Selbstbestimmung. Eine Kirche, die, so sagt es Papst Franziskus, “an die Ränder der Gesellschaft gehen will”, wäre also nicht nur bei den Armen, Alten und Kranken gefragt. Sie müsste auch an der Seite Homosexueller, Transgender oder Intersexueller stehen. Ferner vermittelt der Vatikan durch den vorliegenden Fall das Bild einer wechselhaften Mode der geschlechtlichen Identitäten. Als ob geschlechtliche Identitäten Verkleidungen seien, die man wie Röcke oder Hosen täglich wechseln könne oder wolle. Dass man sich seine geschlechtliche Identität jedoch weder aussucht noch plötzlich homo- oder intersexuell wird, wenn man von Gendertheorien hört, scheint der Vatikan nicht zu verstehen. 

 

Der Vatikan stellt für viele Menschen eine Autorität dar, dessen Aussagen ihre Einstellung und das tägliche Leben bestimmen. Eine durchaus nachvollziehbare Kritik an der Stellungnahme des Vatikans kommt von Institutionen wie dem Verband New Ways Ministry, welcher sich für Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transmenschen in der katholischen Kirche einsetzt. Sie mahnen an es könne durch Aussagen wie diese zu einer Ablehnung von Betroffenen durch ihre katholisch geprägten Familien kommen.  Anstatt seine gesinnungsbezogene Macht für die Diskriminierung und Aberkennung des menschlichen freien Willens einzusetzen, sollte der Vatikan diese nutzen, um Frieden und Gleichberechtigung in der Welt zu stärken (vgl. Tagesschau, 2019).

Autorinnen: Laura Averbeck & Nora Xyländer


Lust auf weitere Beiträge? 

Loch ist Loch

Loch ist Loch

Wer anderen ein Loch gräbt...Lidl tappt in die Sexismusfalle.

Der Discounter-Riese Lidl betitelt seinen Gebäckpost auf Facebook mit “Loch ist Loch” und spaltet damit die Netzgemeinde. Zu (Un)recht? Dieser Beitrag klärt auf.

Weiterlesen

#bloodnormal – mit Blut gesellschaftliche Schranken überwinden

#bloodnormal – mit Blut gesellschaftliche Schranken überwinden

 “Wrong”, “extremely inappropriate” und “offensive”.

Der australische Hersteller von Damenhygieneprodukten Libra musste viel Kritik einstecken, für seinen letzten Werbespot “#bloodnormal” (Libra, 2019c). Hauptkritikpunkt war das Zeigen von Blut oder einer roten, blutähnlichen Flüssigkeit (Libra, 2019a). Obgleich Blut auf den ersten Blick kein ungewöhnlicher Fernsehinhalt ist, bricht der Werbespot, der auf den sozialen Netzwerken weltweit geteilt und diskutiert wurde, mit einem bestehenden Tabuthema – der Menstruation.

Weiterlesen

Adidas x Parley - eine Initiative für die Umwelt oder Greenwashing?

Adidas x Parley - eine Initiative für die Umwelt oder Greenwashing?


Jährlich gelangen rund 10 Mio. Tonnen Plastikmüll in die Weltmeere - Adidas hat sich dem Problem angenommen. Ernsthafte Taten oder alles nur Greenwashing?

Weiterlesen

Morgen danach

Mein Morgen danach - eine Kampagne zum Verkauf der Pille danach

 

Weiterlesen

Väter, Mütter und die EDEKA-Marketingabteilung

Das Leben ist kein Klischee.

Eigentlich war es eine simple Idee: Eine Einzelhandelskette produziert einen rührenden Imagefilm zur Ehrung der Mütter - Mütter, Väter und Kinder sind bewegt, denken bei ihrer nächsten Entscheidung für einen Supermarkt an diesen Spot und verschaffen der Kette einen höheren Gewinn. So oder so ähnlich könnte es sich die EDEKA-Marketingabteilung im Jahr 2019 zum Muttertag gedacht haben. Ob der Plan aufgegangen ist und ob die Darstellung von Eltern- und Geschlechterrollen im Spot als problematisch zu betrachten sind, skizziert der folgende Beitrag. 

Weiterlesen

 Vatikan

Vatikan

Der Vatikan verurteilt die freie Wahl des Geschlechts. Eine ethische Diskussion zur katholischen Verantwortungsübernahme im Diskurs über die Gendertheorie.

Weiterlesen

Nicht nur in ethischer Hinsicht ein Saftladen

Nicht nur in ethischer Hinsicht ein Saftladen

Achtung: Dieser Artikel könnte von schlauen Menschen richtig verstanden werden! Wenn Unternehmen in ihrer Werbung gegen den Kodex des deutschen Werberats verstoßen, kommt es hin und wieder vor, dass die Institution eine Rüge ausspricht. Bevor es soweit kommt, stoppen die meisten Unternehmen die fragwürdigen Kampagnen - der Bonner Smoothie-Produzent True Fruits jedoch nicht.

Weiterlesen

Looks like shit. But saves my life.

Looks like shit. But saves my life.

Können leicht bekleidete Menschen zum Helmtragen animieren?

Die Kampagne des Verkehrsministeriums erntete jede Menge Kritik und Spott. Warum der Sexismus-Skandal eigentlich keiner war.

Weiterlesen

“Back deinen Mann glücklich - auch wenn er eine andere Liebe hat.”

“Back deinen Mann glücklich - auch wenn er eine andere Liebe hat.”

Frauen an den Herd, Männer vor den Fernseher.

So stellt sich Dr. Oetker (Schweiz) offenbar die perfekte Fußball-WM vor. Das Netz schäumt, viel interessanter ist allerdings die Reaktion der Marke auf die Vorwürfe. Ein Versuch Frauen für das Backen zu begeistern - wohl ein Versuch, der nach hinten los ging. Sind wir werbetechnisch wieder in den 50er Jahren?

Weiterlesen

Literatur

Congregation for Catholic Education. (2019). “Male and female he created them”. Towards a path of dialogue on the question of gender theory in education. Zugriff online am 03.11.2019 unter http://www.educatio.va/content/dam/cec/Documenti/19_0997_INGLESE.pdf

Drobinski, M. (2019). Wo die Toleranz endet. Zugriff online am 03.11.2019 unter https://www.sueddeutsche.de/bildung/gender-theorie-vatikan-schule-1.4485197

DRPR. (1991). Die sieben Selbstverpflichtungen eines DPRG-Mitglieds. Zugriff online am 12.11.2019 unter http://drpr-online.de/wp-content/uploads/2013/09/Selbstverpflichtungen.pdf

DRPR. (2012). Deutscher Kommunikationskodex. Zugriff online am 12.11.2019 unter

http://www.kommunikationskodex.de/wp-content/uploads/Deutscher_Kommunikationskodex.pd

Habermas, J. (1988). Theorie des kommunikativen Handelns. Suhrkamp Verlag. Frankfurt am Main.

philosophieren14. (2016). Gesinnungsethik oder Verantwortungsethik? Zugriff online am 03.11.2019 unter https://philosophieren14.wordpress.com/2016/07/14/gesinnungsethik-oder-verantwortungsethik/

Süddeutsche Zeitung. (2019). Wo die Toleranz endet. Zugriff am 12.12.2019 unter https://www.sueddeutsche.de/bildung/gender-theorie-vatikan-schule-1.4485197

Tagesschau. (2019). Vatikan zu Geschlechtern. "Als Mann und Frau schuf er sie". Zugriff online am 12.11.2019 unter

https://www.tagesschau.de/ausland/vatikan-gendertheorie-101.html  

Welt. (2019). „Konfuses Konzept der Freiheit“ – Vatikan prangert „Gender-Theorie“ an. Zugriff online am 03.11.2019 unter https://www.welt.de/vermischtes/article195049427/Vatikan-prangert-Gender-Theorie-an-Konfuses-Konzept-der-Freiheit.html

ZEIT Online. (2019). Vatikan kritisiert Gender-Theorie. Zugriff am 01.12.2019 unter https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-06/katholische-kirche-vatikan-gender-theorie-geschlecht-papst-franziskus